Wer hätte gedacht, dass sich in den Alpen so ein Schatzkästchen versteckt – die karolingische Kirche Sankt Peter in Mistail ist eines der faszinierendsten Gotteshäuser, in denen ich jemals war.
Die Kirche liegt in der Region Albula im Kanton Graubünden, auf dem Weg zum Julierpass kommt man an ihr vorbei, aber sie liegt versteckt hinter einem Hügel, und man kann sie nur zu Fuß erreichen – ein kurzer Spaziergang um einen Hügel, auf dem sich ein atemberaubender Blick auf ein eindrucksvolles Bergpanorama mit Bergpyramiden bietet – vielleicht wurden sie vor Jahrtausenden als Göttinnen angebetet, vielleicht war an der Stelle, an der sich heute Sankt Peter befindet, ursprünglich ein vorchristlicher Kultplatz, auf die ja in der Anfangszeit des Christentums gewohnheitsmäßig Kirchen gebaut wurden, da man den alten Glauben nicht einfach so verdrängen konnte, sondern die heiligen Orte überlagern und übernehmen musste.
Nach einem kurzen Spaziergang kommt man auch schon zur Kirche, die auf freiem Feld etwas verloren neben zwei Bauernhöfen steht – das Arrangement wirkt seltsam zusammegewürfet, fast scheint die Kirche etwas fehl am Platz, etwas abgedrängt, ein Relikt der Vergangenheit, dem sich die Gegenwart auf unpassende Weise aufgedrängt hat und das, tief ins sich selbst versunken, seinen rechten Platz nicht mehr findet.
Man geht über einen Trampelpfad zwischen den Bauernhäusern durch, vorbei an einem geschäftigen Hühnerstall, durch die Pforte der Kirche, und einmal hinter der Kirchenmauer, ist man in einer anderen Welt. Hinten im Beinhaus liegen strahlendweiße Totenschädel gestapelt unter dem Memento Mori: Ich war einst, was du warst, und du wirst einmal sein, was ich jetzt bin.
Man tritt ein, und man tritt in etwas unermesslich Altes, das einer Vergangenheit zugehörig scheint, die so alt ist, dass sie keinen Platz mehr in unser Welt findet, die keinen Zusammenhang mit der Gegenwart mehr hat, wie eine archäologischer Fundstelle.
Aber diese Kirche muss nicht ausgegraben werden, sie steht hier seit 1200 Jahren. Sie hat auch nicht das Ferne und Unberührbare einer archäologischen Ausgrabungsstätte, die sich immer mehr entzieht, als das sie preisgibt, sie steht, wie sie immer gestanden ist, und so fühlt man sich stattdessen von ihr ergriffen und in eine andere Zeit teleportiert, die nicht gleich einzuordnen ist und deshalb unmittelbar wirkt; der Grundriss der Kirche ist ungewöhnlich, fast quadratisch, und sie scheint mehr breit als lang, man steht vor drei hohen Apsiden mit nackten, weißen Blockaltären, auf den weiß gekalkten Wänden die Überreste blutroter, archaischer Fresken, fragmentierte Figuren von Heiligen, die Zeit langsam ausradiert und immer mehr abstrahiert. Der Boden ist bis auf die Steinstufen und den steinernen Mittelweg nackt, darüber eine flache Holzdecke, das Nachmittagslicht flutet gebündelt aus hohen, kleinen Fenstern herunter teilt den Raum in Schatten und in Licht.
Man wähnt sich mehr in einem Tempel als in einer Kirche.
Auf der Nordwand findet man schließlich neben einem Bild eines geplagt dreinschauenden, von bäuerlichen Arbeitsgeräten umzingelten Jesus, (das daran gemahnt, die Sonntagsruhe einzuhalten), ein beeindruckendes Fresko einen riesenhaften, sieben Meter hohen Christophorus, der bis fast unter die Decke ragt. Auf seinen Schultern sitzt ein etwas aufmüpfig dreinschauendes Jesuskind, und da, zwischen seinen Füßen, die im Wasser stehen, das sich halb in der Kalkwand aufgelöst hat und in dem nur noch Bruchstücke von Fischen schwimmen, ist sie: Die kleine zweischwänzige Meerjungfrau, auch schon halb verblichen, aber noch gut erkennbar mit ihren blaugrünen Fischschwänzen, vor die sie – wie eine Adorantin, oder eine Predigerin – erhoben ihre Hände hält.
Sie trägt ein rotes Kleid und eine goldene Krone auf der Flechtfrisur, und sie sieht zufrieden aus, wie sie seit 700 Jahren in den biblischen Gewässern schwebt, obwohl sie da eigentlich nicht hingehört – zumindest nicht der katholischen Tradition nach, in die sie sich, viel älteren Zusammenhängen zugehörig, einfach reingeschmuggelt hat – wohl, weil sie etwas repräsentiert, für das es in der christlichen, patriarchalen Symbolik keinen Platz mehr geben durfte – und ihn sich so einfach nahm.
Aber auch in ihrem Falle haben wir es im Grunde genommen mit einer – anachronistischen – Tradition zu tun, denn sie taucht immer wieder in alten Kirchen im Alpenraum auf, bevorzugt auf Christophorus-Fresken, wo sich dieses unchristliche Symbol in den dunklen Gewässern zu seinen Füßen verstecken kann und im Notfall vorgeben kann, ein Fischwesen unter vielen zu sein. Aber andererseits scheint sie das Verstecken gar nicht nötig zu haben, so selbstverständlich und selbstbewusst, wie sie – zentral plaziert – zwischen den Füßen des Christophorus steht, klein, aber doch unübersehbar.
Woher sie kommt, und warum sie in die christliche Bilderwelt hineingeraten ist, werden wir wohl nie genau wissen (ihre Geschichte ist lang, dunkel, und von vielen verschiedenen Einflüssen geprägt), aber die Wirkkraft dieses einzigartigen Motivs ist so stark, so lebendig, so viel teilt sie sich in ihrer Formensprache über uns mit, dass man alles, was man über sie wissen muss, im Grunde erspüren kann. Und dennoch bleibt sie ein mysteriöses Wesen, das aus fernen, längst vergangenen Bilderwelten überlebt hat und aus einer Tiefe zu uns spricht, von der wir nur ahnen können, wie unermesslich sie ist.
Die winzige zweischwänzige Meerjungfrau zwischen den Füßen des acht Meter hohen Christophorus.
Die drei Apsiden mit Altären der Kirche Mistail.
