Letzte Woche drückte mir in meinem Lieblingsbuchladen meine Buchhändlerin ein Buch in die Hand. Beim Durchblättern fand ich die Illustrationen sofort befremdlich. Sie wirkten auf mich beliebig hingeworfen, gab es keine klare Handschrift, keinen Stil oder Technik, den man einer einzigen Illustratorin hätte zuordnen können – aber gleichzeitig waren sie auch nicht alle prägnant genug, dass sie das Werk unterschiedlicher Künstlerinnen hätten sein können.
Im Impressum fand ich dann die Bestätigung, dass die meisten der Illustrationen mithilfe von KI (Midjourney) erstellt wurden. Als ich vor einigen Tagen zurück in den Buchladen kam und meiner Buchhändlerin vom der Aufregung über das Buch erzählte, die sich in der Zwischenzeit auf Social Media wegen mutmaßlich gefälschter Zitate und anderen problematischen Vorgangsweisen (darunter auch der Verdacht der Verwendung von KI für die Texte), entsponnen hatte, meinte sie, dass sie die Sache sehr beschäftigt habe, auch, da sie immer wieder von KundInnen gefragt worden wäre, ob sie eh keine KI-Bücher hätten – und nun hätten sie unwissend doch eines verkauft.
Wie auch immer man zur KI in der Kunst steht, muss man ihre Verwendung immer auch unter dem Aspekt beurteilen, ob die kreative Leistung bei der Künstlerin oder bei der Maschine liegt: Wird die KI als ein Werkzeug verwendet, um eine originelle Idee umzusetzen, oder überlässt man ihr bequem kreative Entscheidungen?
Wikipedia unterscheidet drei Arten in der KI-Kunst: KI als Generator, KI als Werkzeug, KI als Inspiration. Im ersten Fall werden die Werke mit KI erstellt, im zweiten dient KI zur Bearbeitung eines Werkes. Midjourney, die in diesem Buch verwendete KI, fällt in den ersten Fall: Midjourney ist ein Bildergenerator. Die Autorin des Buches meinte zwar in einem Interview, dass die KI-Bilder noch bearbeitet wurden – mein educated guess ist, dass das hauptsächlich die Farbpalette betrifft, weil das das Einzige an den Illustrationen ist, das so etwas wie eine persönliche Note oder einen Wiedererkennungswert aufweist, was aber kaum als wesentliche schöpferische Leistung gelten kann. Dass hier die meiste “Arbeit” die KI geleistet hat, ist meiner Meinung nach jedenfalls deutlich erkennbar – es fehlt die klare Linie, der Stil die Handschrift, der Wiedererkennungswert, die Tiefe.
Im Urheberrecht gibt es den Begriff der Schöpfungshöhe – ein Begriff, der die Individualität und Originalität eines Werkes bezeichnet und rechtlich als Kriterium dafür eingesetzt wird, ob ein Werk als geistiges Eigentum schutzwürdig ist – genau diesen Begriff kann man auch zur Beurteilung von KI-Werken herannehmen. Bei einem Werk, das durch die Eingabe von ein paar Prompts erstellt (oder besser, erstellt gelassen!) wurde, ist die Schöpfungshöhe jedenfalls eher gering, es sei denn, es wird damit eine originelle Idee umgesetzt, was hier nicht der Fall ist, sondern es einfach einfallslose, lieblose Portraits sind, hinter denen man kein kreatives Konzept erkennen kann. Man hätte mit der KI auch spannendere Portraits machen können.
Diese Art von Prompts, die der KI keine originelles Konzept oder eine besondere Idee vorgeben, sind, was die “kreative Leistung” betrifft, eher vergleichbar damit, wenn ein Auftraggeber einer Illustratorin ungefähre Richtungsanweisungen gibt, wie sie die Illustration umsetzen soll (wir brauchen ein Portrait von Sissi, zum Layout passend in Blautönen, Hochformat, der royale Aspekt soll betont werden), und entspricht damit eher einem Briefing als einer “Idee”. Das eigentlich Spannende ist dann die individuelle Umsetzung durch die Künstlerin, die Interpretation dieser Vorgaben. Die Schöpferin des Werkes ist also letzten Endes nicht der Auftraggeber, sondern die Künstlerin – oder eben die KI.
Ich persönlich würde für meine Arbeit niemals KI verwenden, dafür liebe ich das, was ich mache, die inneren und äußeren Arbeitsprozesse und die Auseinandersetzung mit den Materialien, zu sehr. Kunst zu machen ist für mich wie für wahrscheinlich alle ernsthaften Künstlerinnen eine höchstpersönliche, ganzheitliche Angelegenheit, an der nicht nur mein Kopf und meine Hand beteiligt sind, sondern mein ganzes Leben und Leben, kurz – mein ganzes Sein.
Weiters ist für mich meine künstlerische Arbeit eine Art, in Beziehung zu treten – mit mir selbst, mit dem, was mich umgibt, mit anderen Menschen. Es ist jedenfalls mehr, weit mehr, als ein fancy Bild rauszuschmeißen.
In der Logik der KI ist ein Bild aber nichts weiter als eine beliebige Visualisierung von ein paar Worten.
Ein menschliches Kunstwerk ist aber nicht die lineare Umsetzung einer Idee, die im Kopf entsteht, sondern ein dynamischer, in viele Richtungen verlaufender, sich verzweigender Prozess, eine Auseinandersetzung. Als Künstlerin ist es nicht nur das Ergebnis, das mir Freude bereitet, sondern vor allem eben dieser Prozess.
KI ersetzt Bedeutung durch Beliebigkeit, ersetzt Tiefe, die durch die lange und nicht immer einfache Auseinandersetzung mit einem Medium oder einer Thematik entsteht, durch Oberflächlichkeit und Imitation, sie ersetzt den Zauber eines Kunstwerks durch Effekthascherei, die Wahl eines künstlerischen Weges durch wahllose Orientierungslosigkeit. Sie ersetzt die Lebendigkeit der Kunst durch Künstlichkeit.
Ein mit einer KI generiertes Bild ist nichts anderes als die Simulation eines Kunstwerkes.
Das Werk einer Künstlerin ist wie eine innere Welt (und ein Kunstwerk ist das Fenster, durch das man da hineinschauen kann, hat mal jemand gesagt), in dem sich alles ergänzt, in der Entwicklung und Entfaltung, eine Linie erkennbar ist. Es gibt einen sichtbaren, spürbaren Zusammenhang, und der ist die Künstlerin selbst. Durch die intensive Auseinandersetzung mit Materialien, Techniken und allem, was sie inspiriert, findet sie ihre Stimme, die einzigartig ist, weil sie sich aus allem zusammensetzt, das sie erlebt, das sie umgibt und mit dem sie sich auseinandersetzt und das in ihr zusammenfließt. So entsteht ihre Handschrift, so entsteht Originalität, und das ist das Schöne daran.
Tatsächlich ist in dieser Serie eine ästhetische Beliebigkeit und Oberflächlichkeit erkennbar, die eher bei Kreativen in der Anfangsphase (oder eben bei KI) zu finden sind. Die Illustrationen erinnern an Experimente einer Kunststudentin, die viele verschiedene Techniken ausprobiert, die aber noch kein Gespür entwickelt oder ihren Weg gefunden hat. Hier ist der einzige Zusammenhang der Illustrationen, das Einzige, worin ich einen persönlichen Ausdruck erkennen kann, die Farbpalette.
Lange Zeit war Illustratorin mein Brotberuf. Wenn das immer noch so wäre, würde das Phänomen der KI für mich heute eine wirtschaftliche Bedrohung darstellen. Stattdessen arbeite ich heutzutage hauptsächlich mit Keramik, wo ich nun, anstatt gegen die KI kämpfen zu müssen, den Leuten die Wertschätzung von Handwerk näher bringen darf, und ihnen zum Beispiel erklären, warum ein handgemachter Becher mehr kostet als ein IKEA-Häferl, und wieviel Arbeit darin steckt. Da Handwerk immer mehr eine kulturelle Randerscheinung ist, möchte ich auch niemandem einen Vorwurf daraus machen, wenn er oder sie nichts vom Wert des Handwerks weiß. Denn wo sollen sie es auch gelernt haben? Manchen kann ich es näher bringen, und sie freuen sich daran (was mir ebenso Freude bereitet), anderen eben nicht.
Es lässt sich grundsätzlich feststellen, dass in unserer Kultur das Gespür für gute Gestaltung, die Wertschätzung von Handwerk immer mehr abhanden kommt, und der Einsatz von KI in der Gestaltung ist nur ein weiteres Symptom dafür.
Die KI ist allerdings gekommen, um zu bleiben, und die Bereiche, in denen wir echte, menschengemachte Kunst begegnen, werden sich immer mehr verringern.
Wenn kulturelle Institutionen, Verlage, Zeitungen immer mehr auf KI-Illustrationen zurückgreifen, was der Fall ist, beschleunigt das jedenfalls den Prozess.
Das ist ein unglaublicher Verlust, denn Kunst ist etwas, mit dem wir uns jeden Tag umgeben sollten, weil es uns glücklich und das Leben schöner macht. Menschengemachte Kunst und Kultur wird aber in Zukunft immer weniger Teil unseres Alltags sein, und das wird unser Leben jedenfalls nicht schöner machen.
Dass technische Fortschritte als Kultur- und Qualitätsverlust wahrgenommen werden und es oft auch tatsächlich ein solcher ist, ist nichts Neues in der Geschichte der Menschheit. Die Frage ist, welche Vorteile die Einführung einer Technologie für uns hat – und womit wir dafür bezahlen müssen. Es gibt viele langweilige und monotone Arbeiten, bei denen wir uns wohl einig sind, dass sie besser von einer Maschine erledigt werden können. Im Falle der KI betrifft (und bedroht) es nun einen ganz anderen Bereich, einen Bereich, der uns eigentlich Freude bereiten soll, nämlich die menschliche Kreativität. Das ist das Schlimme daran.
Auch wenn man ein KI-Bild nicht als solches erkennt, macht es etwas mit uns, hat in jedem Fall einen Effekt auf uns und unser Erleben, der anders ist als der Effekt, den ein Bild auslöst, das ein Mensch gemacht hat. Ein KI-generiertes Kunstwerk kann uns nie in dem Maße berühren, wie uns ein menschengemachtes Berühren kann, denn ihm fehlen jegliche Emotion und Tiefe.
Vielmehr lösen sie in uns oft Befremden aus. Sie irritieren uns und lösen Unbehagen aus, weil sie auf den ersten Blick vertraut wirken, aber wir – bewusst oder unbewusst – erkennen, dass mit ihnen etwas nicht stimmt, dass sie nicht das sind, was sie vorgeben zu sein, dass sie nicht echt sind.
Die Frage, die wir uns letztendlich stellen müssen, ist die, in welcher Welt wir leben möchten. Und ich möchte in einer Welt leben, in der wir mit lebendigen, von echten Menschen geschaffenen Kunstwerken und Texten in Beziehung treten können, und nicht von Bildern umgeben sind, die von seelenlosen Maschinen generiert wurden. Was für eine traurige Welt wäre das.
Es gibt ein menschliches Grundbedürfnis nach handgemachten (und selbstgemachten) Dingen. Dass uns diese Dinge glücklich machen, ist wissenschaftlich belegt.
Eine Welt, die sich immer mehr in einen flachen, algorithmisierten Raum verlagert, in der echte Beziehungen und echte Dinge durch KI-Kunst und Online-Beziehungen ersetzt werden, ist weder erstrebenswert noch ist sie so lebenswert und lebendig, wie sie eigentlich sein könnte.
