Es war noch vor Einbruch des Winters, als wir uns auf den Weg ins Engadin machten, um die Meerjungfrauen auf den alten Engadiner Häusern zu suchen. Es war erst Ende Oktober, aber die Pässe waren schon zu, und wir nahmen den Autozug (der vom Navi als "Fähre" angezeigt wurde – passend zu einer Meerjungfrauenexpedition!). Oben herrschte eine einzigartige Stimmung – die Wiesen waren bereits angezuckert vom Schnee, und alles leuchtete golden im Herbstlicht.
Diese Häuser sind wie aus einer anderen Welt; sie sind von einer Ursprünglichkeit, die man eher in anderen Weltgegenden als in Europa zu finden vermutet.
Unsere Tour führte uns durch verschiedene Dörfer im Unterengadin, von denen ich wusste, dass dort die Meerjungfrauen zu finden waren.
Es sind fantastische Fassaden; man würde sie nicht in solcher Höhe, in solcher Entfernung vom Meer vermuten – es ist, als ob der Berg vom Meer träumte. Hier tummeln sich Delphine, Fische, Drachen, die halb Wesen, halb Ornament sind. Sie sind nicht lieblich, sondern ungelenke Figuren mit erschreckten, erschreckenden Gesichtern, wie der Alptraum eines Kindes.
Die beeindruckendste Figur von allen aber ist die zweischwänzige Nixe; niemand weiß genau, woher sie kommt, sie ist ein Wesen, das über mindestens tausend Jahre in einem kulturellen und mythologischen Kontext existiert, in den sie eigentlich nicht hineingehört – ja sich in diesen hineingeschmuggelt und so überlebt hat.
Kein Wunder, denn es ist schwer, sich ihrem enigmatischen Magnetismus zu entziehen, und taucht immer wieder in der christlichen Bilderwelt auf, vor allem in Reliefs von romanischen und gotischen Kirchen. Auch auf Christophorus-Fresken findet man sie manchmal, unten im Wasser, durch das der Heilige das Jesuskind trägt. Auch an der Außenfassade des Stephansdoms kann man eine finden.
Vielleicht ist sie ein Überbleibsel einer alten Göttin.
Aber in ihrer Direktheit sagt sie uns auf gewisse Weise alles, was wir über sie wissen müssen. Ganz unmissverständlich ist sie ein Symbol für die Fruchtbarkeit. Die Sagenforscherin Ulrike Kindl, die ein Buch (Sirena Bifida – Bilderwelten als Denkräume) über diese faszinierende Figur geschrieben hat, beschreibt darin außerdem die Bedeutung der zweischwänzigen Nixe als Heilszeichen. Sie vermutet in ihrem Motiv eine Verschmelzung der Baubo (die Figur, die Demeter mit ihrer Vulvaentbößung aufzuheitern versuchte) und der Potnia Theron, die Herrin der Tiere, ein uraltes Motiv, in dem die Göttin symmetrisch von zwei Tieren flankiert wird, das in vielen verschiedenen Kulturen auftaucht und bis in die Jungsteinzeit zurückreicht. Gleichzeitig ist sie in ihrer Omega-Form vielleicht ein Zeichen für die Unendlichkeit.
Das Motiv der zweischwänzigen Sirene geht laut Kindl bis ins 11. Jahrhundert zurück. Die zweischwänzigen Sirenen im Engadin, die in der Mitte des 17. Jahrhunderts entstanden sind, führen damit eine uralte spirituelle Tradition fort – und halten sie bis heute lebendig.
Zweischwänzige Nixe in Ardez, Engadin
